Warum bekommt man plötzlich ein Lipödem?

  • Prof. Dr. Reichenberger
  • 06.09.2026
  • 6 Minuten
Der Inhalt dieser Seite wurde durch Prof. Dr. Reichenberger geprüft, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie.
Warum bekommt man plötzlich ein Lipödem?<br />
The Q | Plastic & Aesthetic Surgery
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Viele Frauen berichten, dass sich ihr Körper scheinbar innerhalb relativ kurzer Zeit verändert: Die Beine werden kräftiger, die Proportionen zwischen Ober- und Unterkörper verändern sich und das Gewebe fühlt sich zunehmend empfindlich oder schmerzhaft an. Manchmal treten solche Veränderungen während der Pubertät auf, manchmal nach einer Schwangerschaft oder erst rund um die Wechseljahre.
Dadurch entsteht schnell der Eindruck, ein Lipödem sei „plötzlich“ entstanden.
Medizinisch ist die Situation komplexer. Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Unterhautfettgewebes, deren genaue Entstehungsmechanismen noch nicht vollständig verstanden sind. Nach heutigem Forschungsstand spielen wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammen. Besonders im Fokus stehen eine genetische Veranlagung und hormonelle Einflüsse. Auffällig ist, dass sich ein Lipödem fast ausschließlich bei Frauen zeigt und der Beginn oder eine Verschlechterung häufig in Lebensphasen mit ausgeprägten hormonellen Veränderungen beobachtet wird.
Das bedeutet: Ein Lipödem entsteht wahrscheinlich nicht einfach plötzlich ohne Ursache. Es kann jedoch über längere Zeit unbemerkt bestehen und sich in bestimmten Lebensphasen erstmals deutlich bemerkbar machen.

Kurz gesagt:

Warum ein Lipödem entsteht, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Eine wichtige Rolle scheinen hormonelle Veränderungen und eine genetische Veranlagung zu spielen.
Typischerweise wird ein Lipödem erstmals während oder nach hormonellen Umstellungsphasen auffällig, beispielsweise in der Pubertät, im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft oder rund um die Wechseljahre. Dabei verändert sich nicht einfach nur das Körpergewicht. Charakteristisch sind eine disproportionale Vermehrung des Unterhautfettgewebes und Beschwerden wie Druck- oder Berührungsschmerzen.

Warum das Lipödem plötzlich sichtbar werden kann

  1. Pubertät:
    Die Pubertät gehört zu den typischen Zeiträumen, in denen sich ein Lipödem erstmals bemerkbar machen kann.
    Während dieser Phase verändert sich der weibliche Hormonhaushalt erheblich. Gleichzeitig verändert sich natürlicherweise auch die Verteilung des Fettgewebes: Hüften, Gesäß und Oberschenkel entwickeln zunehmend die für den weiblichen Körper typische Fettverteilung.
    Bei entsprechender Veranlagung könnte diese hormonelle Umstellung mit daran beteiligt sein, dass sich ein Lipödem erstmals klinisch zeigt.
    Betroffene bemerken beispielsweise, dass ihre Beine im Verhältnis zum Oberkörper zunehmend kräftiger werden und sich diese Proportion auch durch Gewichtsabnahme oder Sport nicht entsprechend verändert.
  2. Schwangerschaft:
    Auch eine Schwangerschaft ist mit erheblichen hormonellen und körperlichen Veränderungen verbunden.
    Während einer Schwangerschaft verändert sich der Hormonhaushalt stark. Gleichzeitig verändert sich bei vielen Frauen auch die Fettverteilung im Körper. Besteht bereits eine Veranlagung für ein Lipödem, können die typischen Veränderungen dadurch erstmals deutlicher sichtbar werden oder vorhandene Beschwerden zunehmen.
    Viele Patientinnen bemerken zum Beispiel nach einer Schwangerschaft, dass die Beine im Verhältnis zum Oberkörper deutlich kräftiger geworden sind oder empfindlicher auf Druck reagieren. Wichtig ist: Eine Schwangerschaft verursacht nicht automatisch ein Lipödem. Sie kann aber eine Phase sein, in der eine bereits vorhandene Veranlagung erstmals deutlich zum Vorschein kommt.
  3. Wechseljahre:
    Auch die Perimenopause beziehungsweise die Zeit rund um die Wechseljahre ist von starken Veränderungen des Hormonhaushalts geprägt.
    Bei einigen Frauen wird ein Lipödem erst in dieser Lebensphase deutlich oder bereits bestehende Symptome nehmen zu. Gerade wenn gleichzeitig das Körpergewicht zunimmt, kann die Situation zunächst schwer einzuordnen sein. Nicht jede Veränderung der Beine während der Wechseljahre ist automatisch ein Lipödem. Umso wichtiger ist eine sorgfältige medizinische Untersuchung.

Die genetische Veranlagung könnte eine Rolle spielen

Viele Patientinnen berichten, dass auch andere Frauen innerhalb ihrer Familie ähnliche Körperproportionen oder Beschwerden haben. Eine solche familiäre Häufung spricht dafür, dass genetische Faktoren an der Entstehung beteiligt sein könnten.

Forschungsarbeiten untersuchen deshalb verschiedene genetische Veränderungen und Signalwege, die das Fettgewebe und dessen Entwicklung beeinflussen könnten.
Bislang gibt es allerdings nicht das eine „Lipödem-Gen“, mit dem sich die Erkrankung einfach nachweisen ließe. Die Forschung geht vielmehr von einer komplexeren genetischen Beteiligung aus. Auch ein allgemein etablierter genetischer Test zur sicheren Diagnose eines Lipödems steht bislang nicht zur Verfügung.
Eine familiäre Vorgeschichte kann deshalb ein wichtiger Hinweis sein, ist aber keine Voraussetzung für die Diagnose.

Genetische Veranlagung

Die Rolle der Hormone

Hormone scheinen bei der Entstehung und Entwicklung eines Lipödems eine wichtige Rolle zu spielen. Dafür spricht vor allem, dass die Erkrankung fast ausschließlich Frauen betrifft und häufig in Lebensphasen auffällt, in denen sich der Hormonhaushalt stark verändert, zum Beispiel in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren. Besonders das weibliche Geschlechtshormon Östrogen steht dabei im Fokus der Forschung. Wissenschaftler untersuchen unter anderem, ob Veränderungen im Östrogenstoffwechsel oder in der Wirkung der Östrogenrezeptoren das Fettgewebe beeinflussen können. Bis heute ist jedoch nicht eindeutig geklärt, wie genau Hormone an der Entstehung eines Lipödems beteiligt sind. Es gibt also keinen einzelnen Hormonwert, an dem sich ein Lipödem sicher erkennen oder erklären lässt. Hormone gelten deshalb als wichtiger möglicher Einflussfaktor, aber nicht als alleinige Ursache der Erkrankung.

Wann sollte ein mögliches Lipödem ärztlich abgeklärt werden?

Eine medizinische Abklärung kann sinnvoll sein, wenn sich die Proportionen des Körpers deutlich verändern und gleichzeitig typische Beschwerden auftreten.
Besonders aufmerksam sollten Patientinnen werden, wenn sich beide Beine symmetrisch verändern, die Extremitäten im Verhältnis zum Rumpf deutlich kräftiger erscheinen und das Gewebe zunehmend schmerz- oder druckempfindlich wird.
Auch Veränderungen, die während der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder rund um die Wechseljahre auftreten, können Anlass sein, genauer hinzusehen.
Dabei geht es nicht darum, jede kräftigere Beinform als Erkrankung zu interpretieren.
Entscheidend ist die Kombination aus Fettverteilung, Beschwerden, Krankengeschichte und klinischem Befund.

Prof. Dr. Matthias Reichenberger

„Viele Patientinnen fragen sich, warum sich ihr Körper plötzlich verändert, obwohl sie an ihrem Lebensstil kaum etwas geändert haben. Genau hier ist eine sorgfältige medizinische Einordnung wichtig. Ein Lipödem entsteht nach heutigem Wissen nicht durch einen einzelnen Auslöser. Vielmehr scheinen Veranlagung und hormonelle Veränderungen zusammenzuspielen. Besonders in Phasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Wechseljahren kann die Erkrankung erstmals deutlicher sichtbar oder spürbar werden. Entscheidend ist deshalb, Veränderungen ernst zu nehmen und fachärztlich abklären zu lassen. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto gezielter können Beschwerden behandelt und passende Maßnahmen besprochen werden.“

Prof. Dr. med. Matthias Reichenberger

Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie

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Häufige Fragen

Kann ein Lipödem wirklich plötzlich entstehen?
Meist entwickelt sich ein Lipödem nicht innerhalb weniger Tage. Es kann jedoch in hormonellen Umstellungsphasen erstmals deutlich auffallen oder sich spürbar verstärken.
Kann eine Schwangerschaft ein Lipödem auslösen?
Schwangerschaften gehören zu den Lebensphasen, in denen sich ein Lipödem erstmals zeigen oder bestehende Beschwerden verändern können. Die Schwangerschaft allein gilt jedoch nicht als nachgewiesene Ursache.
Kann ein Lipödem erst in den Wechseljahren auftreten?
Ja, ein Lipödem kann auch rund um die Wechseljahre erstmals deutlich werden. Hormonelle Veränderungen werden als möglicher Einflussfaktor diskutiert.
Ist ein Lipödem erblich?
Eine familiäre Häufung wird beobachtet und genetische Faktoren werden intensiv erforscht. Ein einzelnes eindeutig verantwortliches Lipödem-Gen ist bislang jedoch nicht etabliert.
Entsteht ein Lipödem durch Übergewicht?
Nein. Ein Lipödem ist nicht einfach eine Folge von Übergewicht. Adipositas kann zusätzlich zu einem Lipödem bestehen und das Erscheinungsbild sowie die Beschwerden beeinflussen.
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